oder: kritisches Denken in der Psychiatrie
Immer wieder habe ich während irgendwelcher Therapien gehört, es könne mir nie besser gehen, wenn ich immer alles hinterfrage beziehungsweise sage, wenn mir was überhaupt nicht passt. Ich müsse mich schon an das Setting, die Anforderungen, die Hilfestellungen halten und überhaupt solle ich eher dankbar dafür sein, dass mir jemand seine Ideen mitteilt die mir ja eventuell helfen, statt noch zu erwähnen, dass etwas aus irgendeinem Grund vielleicht sogar extrem kontraproduktiv sein könnte.
Ich bin froh, dass ich zwar bzgl meiner Einstellung zu manchem früher schwankte, aber dass ich das nie aufgegeben habe. Hatte letztens erst wieder eine Situation, bei der ich mir garnicht vorstellen mag, wie es aussähe, wenn ich da völlig unkritisch dran gegangen wäre.
Ich hatte einen Termin bei meinem Psychiater. Dort angekommen, wurde mir mitgeteilt, dass er selbst leider im Krankenhaus sei, aber eine Vertretung den Termin übernehmen würde.
Bei dem Gespräch ist mir innerlich mehrfach die Kinnlade nach unten geklappt. Vorweg vllt folgendes: Im allgemeinen bin ich (für mich persönlich) dagegen, dauerhaft Medikamente zu nehmen. Mal für eine kurze Zeit oder als Bedarf okay, aber nicht langfristig. Das Nutzen/Schadenverhältniss fiel langfristig immer eher negativ aus. Außerdem bin ich aktuell in einer Ausbildung die mehr oder weniger passt, zumindest aber gut läuft, und bei der ich kein Interesse habe zu unterbrechen.
Es ging dann darum, dass ich eben übergangsweise doch nochmal Fluoxetin nehmen wollte. Ihre Aussage dazu: ”Ja, das ist sehr gut. Ich meine, wozu gibt es denn die Psychopharmaka. Ich bin sehr froh darüber, dass sie so weit sind und sagen, dass sie Medikamente nehmen wollen. Manche Patienten kriege ich selbst nach über einem Jahr nicht dazu endlich was zu nehmen. Und Fluoxetin ist da ja auch ein sehr gutes Mittel. Citalopram, Cipralex und der ganze andere Kram der bringts da ja einfach nicht. Und Neuroleptika sind bei Borderlinern ja auch immer schwer. Die drehen ja frei, wenn sie ihre Stimmung nicht mehr kontrollieren können. Ich versteh einfach nicht, was daran so schwer sein soll. Ich mein, hätte ich damals vor 20 Jahren Medikamente zur Verfügung gehabt, hätte ich die sofort genommen wg meines Alkoholproblems und meiner Angststörung. Das ist doch viel besser. Ich musste dann das leider alles irgendwie mit richtiger Therapie überstehen, weil es die Medikamente damals so nicht gab.Aber warum nimmt man die denn dann nicht auch einfach ?!”
o_o Da hab ich geschluckt. Von Nebenwirkungen scheint die Frau noch nie was gehört zu haben. Auch davon nicht, dass die allerwenigsten Medikamente soweit helfen, dass jedes andere Problem verschwunden ist. Von steigender Suizidalität und Entzugs -( bzw natürlich Absetz-)problemen natürlich auch nicht. Ist ja jedem frei gestellt, ob er Medikamente nimmt oder nicht, aber das derart zu glorifizieren find ich schwierig. Ganz davon abgesehn, dass ich die Diagnose Borderline auch etwas schwierig finde, aber insbesondere dann traumhaft, wenn die Person mich überhaupt nicht kennt (In der Akte steht sonst imho nix davon).
Weiter fragte sie ziemlich unsensibel nach traumatischen Erfahrungen. Fand ich ja schon .. dreist, dass sie, direkt bei der ersten Stunde, die ich mit ihr in Kontakt komme da sonstwas hören will. Entsprechend hab ich dazu nix gesagt. Weiter textete sie mich zu, wie wichtig das sei, das endlich zu behandeln, “da endlich mal ran zu gehen und zur Sache zu kommen” und welche Kliniken es gäbe, die das gut machen würden. “Die nicht immer nur auf Stabilisierung gucken und einen nie mal weiter durchtreten”. Nach etwa 10 Minuten Monolog ging ich mit 3 Klinikflyern und 2 Rezepten aus der Praxis.
Angenommen, ich würde mich davon beeinflussen lassen, alle Medikamente nehmen, die sie mir aufgeschrieben hat, am besten auch schon in einer der Kliniken sitzen. Ich würde meine komplette Lebenssituation hinschmeißen. Davon ab dass ich das eine Medikament überhaupt nicht vertrage. Ich will nicht wissen, was für Probleme mit der Medikation dann aufgetreten wären. Respektive auch nicht, wie viele Abhängigkeitsprobleme ich im Laufe der Jahre schon gehabt hätte, wenn ich immer alle Benzos so genommen hätte, wie sie mir verschrieben worden sind.
Ich bin froh darum, dass es nicht so ist und ich mir sowas immer erstmal 3 mal überlegt hab. Trotzdem frage ich mich, wie man da eigentlich es schaffen soll einigermaßen unbeschadet raus zu kommen, wenn man eventuell mit der irrigen Vorstellung hineingeht, dass einem dort wirklich geholfen wird und das alles so richtig ist. Und weiter versteh ich es dann wirklich nicht, dass selbst Betroffene immer wieder alles schön reden, was Therapeuten und Psychiater veranstalten, jegliches eigenständige denken abstellen und sagen, dass die Therapeuten das besser wissen müssen weil sie ja mehr Erfahrung haben als man selbst und sie einen viel besser kennen.
Ich versteh’s nicht.
